Ökumenische Darlehensfonds (ECLOF)

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Auszüge aus der Einführungsrede von Dr. Konrad Raiser, Generalsekretär des ÖRK, zum Seminar anläßlich des fünfzigjährigen Bestehens von ECLOF am 14. November 1996 in Genf.

Wir sind die Erben einer reichen Hinterlassenschaft, und dafür sind wir dankbar. Gleichzeitig bekräftigen wir jedoch unseren Willen, die von unseren Vorgängern begründete Tradition weiterzuführen. Anhand der fünfzigjährigen Geschichte des Ökumenischen Darlehensfonds ECLOF läßt sich ablesen, wie aus einer ersten Initiative zur Förderung des Wiederaufbaus von im Krieg zerstörten Kirchen in Europa ein wichtiges Instrument im Dienst der eigenständigen menschlichen Entwicklung armer Gemeinschaften im Süden wurde. Diese Geschichte zeigt wie in einem Spiegel die Entfaltung und Vertiefung des ökumenischen Engagements für Teilen und Solidarität.

Geschäft oder Nächstenliebe?

Das Thema dieses Nachmittags lädt uns zur Beschäftigung mit der ethischen Frage ein, ob Darlehen oder vielmehr die Vergabe von Zuwendungen ohne Rückzahlungs-verpflichtung an arme Bevölkerungsgruppen moralisch vertretbar sind. Einige Kirchen, aber auch einige Förderer von ECLOF stellen sich die Frage, ob es nicht gegen die Grundsätze der christlichen Ethik verstößt, von mittellosen Menschen eine Rück-zahlung zu erwarten oder Zinsen auf Kredite zu erheben. Wie passen solche Vergabemethoden ins christliche Konzept der Nächstenliebe? Andere möchten wissen, ob es nicht unmoralisch ist, Gelder für Projekte zu vergeben, die von ihrer Struktur her schon gar keine “Einnahmen erwirtschaften” können? Darlehen, die aus Solidarität angeboten werden, sollen den oder die Empfänger in die Lage versetzen, sich besser selbst helfen zu können. Sie sind jedoch nicht gegen das Risiko gefeit, in paternalistische Verhaltensweisen und Abhängigkeit abzugleiten, besonders wenn Geber und Nehmer nicht der gleichen Gemeinschaft angehören. Bei der Beantwortung der Frage, ob Darlehen oder Zuschüsse das richtige Mittel zur Förderung menschlicher Entwicklung sind, geht es um das ethische Problem, welcher Ansatz besser dazu geeignet ist, mehr Gerechtigkeit, Eigenständigkeit, Selbstbestimmung und gemeinschaftliche Entscheidungen dort, wo es um vitale Interessen geht, zu ermöglichen. Bei seinem Einstieg in die Entwicklungsdiskussion definierte der Ökumenische Rat der Kirchen sehr früh sein Konzept von Entwicklung: ein Prozeß mit dem Ziel, soziale Gerechtigkeit über Selbsthilfe, Partizipation und wirtschaftliches Wachstum zu fördern. Die Mittel, mit denen armen Gemeinschaften wirtschaftliche und finanzielle Unterstützung geboten werden, sollten also daran gemessen werden, inwieweit sie diese in die Lage versetzen, ihre eigenen Ressourcen und Energien auszubauen. Während viele Beispiele davon zeugen, daß mit einer finanziellen Starthilfe viele Gemeinschaften wirtschaftlich tragfähige Projekte ins Leben rufen konnten, sieht es so aus, als führten Zuwendungen bei Entwicklungsprojekten zu einer andauernden Abhängigkeit, zu Autonomie-verlust und letztendlich, trotz vielversprechender Ansätze, zum Scheitern.

Leihen und Sparen

Vor diesem Hintergrund bietet ein Angebot auf Darlehensbasis echte Erfolgschancen. Durch die Vergabe von Darlehen kommt es zu einem Aus-tausch zwischen Geber und Nehmer, die beide voneinander abhängen. Die Mittel können, wie das Beispiel des ECLOF-Umlauffonds zeigt, immer wieder neu zugewiesen werden, um den Kreis der Nutznießer zu erweitern. Ein rückzahlbarer Kredit trägt in den meisten Fällen mehr zum Respekt der Würde der Empfänger bei als eine Zuwendung. Darlehensprogramme ver-teilen ferner das Risiko auf beide Seiten und setzen eine gegenseitige Rechenschaftspflicht voraus. Bei Darlehensprogrammen, die wie bei ECLOF mit der Bildung von Ersparnissen verbunden sind, trägt dieser Aspekt die Darlehensrückzahlung “zur Kapitalbildung, Stabilität und Sicherheit der Gruppe bei. Die Gemeinschaften werden dazu ermutigt, Spargenossenschaften einzurichten, damit sie die Kontrolle über ihre Rücklagen behalten und über diese verfügen können” (ECLOF-Jahresbericht 1995). Die Geschichte von ECLOF bringt uns zu der Einsicht, daß das Angebot von Darlehen eine ethisch verantwortliche Maßnahme darstellt, die zu recht ihren Platz unter den vielfältigen Möglichkeiten zur Förderung von menschlichen Ressourcen hat.

 
 
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